Interview: Alborosie, der Reggae-Star aus Italien

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Es klingt wie ein Märchen: Der kleine Alberto D’Ascola wächst auf im Mafia-verseuchten Sizillien. Als er eine Bob Marley Kassette in die Finger kriegt, ist’s um ihn geschehen: Alberto will Reggae-Sänger werden. Gesagt, getan: Mit seiner Band „Reggae National Ticket“ erobert er mit italienischen Texten sein Heimatland, unterschreibt einen Major-Deal und verkauft 200’000 Cds.

Doch er ist unzufrieden, Alberto will den richtigen Reggae kennenlernen, packt seine Sachen und zieht nach Jamaika. Alberto spricht kein English und hat kaum Geld in der Tasche. Aber er ist ein Glückspilz und findet eine Anstellung im renommierten Gee-Jam Studio. Nach der Arbeitszeit tüftelt er an eigenen Songs. Der erste Wurf „My Name Is“ ist ein richtiger Floptune und blosse Erwähnung des Tunes reicht, dass Alberto heute noch rot anläuft.
Der Durchbruch kommt 2006 mit „Kingston Town“ und „Herbalist„, deren eingängige Refrains lauthals mitgesungen werden an  Dances rund um den Erdball.  Spätestens nach dem Debütalbum „Soul Pirate“ und Tourneen durch Europa, Amerika und Südamerika ist der Reggae-Welt klar: ALBOROSIE is here to stay.

Vergangene Woche war Puppo Albo in der Roten Fabrik. Nach der wie erwartet gut besuchten  Show traf Reggaenews.ch Signore D’Ascola und sprach über sein Studio, das neue Album und seine Wahlheimat Jamaika.

[Reggaenews.ch] Eine Alborosie-Liveshow unterscheidet sich recht stark von den Studioaufnahmen. Warum?
[Alborosie] Eine Liveshow ist eine Party. Wenn du Geld zahlst um eine Show zu sehen, musst du dafür Spass haben. Wenn ich im Studio bin produziere ich diesen „Rub a Dub Cannabis Kind of Vibe“. Bring ich das an einer Liveshow bringe, schlafen die Leute ein. People drop a sleep with that. Deshalb spiel ich an den Konzerten viele Songs im Dancehall-Style.

Seit etwa 10 Jahren bist in Jamaika. Wie sieht denn ein durchschnittlicher Tag aus, wenn Alborosie zuhause ist und an neuem Material arbeitet?
Ich liebe mein Leben in Jamaika, weil ich mach gar nichts. Ich wache auf, geh ins Studio, hör ein bisschen Musik, nimm Sound auf. Ich bin faul, sehr faul. Wenn ich auf Tour bin hier in Europa ist es ganz anders. Mein Management macht richtig Druck, dass ich hart arbeite. Always running up and down. That’s why I always miss Jamaica when I’m on tour.

Wieviel Stunden pro Tag verbringst du denn im Studio wenn du in Jamaika bist?
I would say not even how many hours, i would say I spend my entire day in the studio. Ich steh auf und geh direkt ins Studio. Vom Morgen bis am Abend, dazwischen nur kurze Pausen um etwas zu Essen.
Wenn ich nicht gerade aufnehme, dann reparier ich irgendwelches Zeug. Ich besitze viele Vintage-Instrumente und ich baue auch eigene Gitarren.

Und das alles kannst du sogar in den Boxershorts machen, denn dein Studio befindet sich im Keller deines Hauses oder?
Yeah yeah, machmal sogar nackt (lacht)

Deine Songs spielst und produzierst du beinah komplett im Alleingang ein. Wieso?
Ich bin sehr wählerisch. Ich sag mir immer: „Besser du machst es alleine und wenn es sich scheisse anhört, ist es wenigstens nur auf deinem eigenen Mist gewachsen und nicht von jemanden sonst.“ Darum mache ich soviel selbst.

Welche Instrumente spielst du selbst ein?
Fast alles was du auf den Aufnahmen hörst, ausser die Brass-Section. Drums, Bass, Keyboards und Gitarre spiele ich selbst ein und mixe es dann. Ich lebe in meiner eigenen Welt, habe eigene Vorstellung wie meine Musik zu klingen hat. Klar, wenn ich ein Album aufnehme, lade ich schon auch Leute ein für Features und Musiker für zusätzliche Arrangements. Aber ansonsten mach ich alles selber.

Wir müssen noch ein bisschen ausführlicher über dein Studio reden, denn du besitzt Equipment von vielen legendären Studios und Producers aus Jamaika.
Jedes Mal wenn ich zurück bin von der Tour, gebe ich wieder alles Geld aus zum neue Instrumente und Equipment zu kaufen.Darum bin ich immer pleite. Darum sieht mein Haus sieht aus wie ein Schrottplatz, überall liegen alte, verrostet Vintage-Maschinen rum, Amplifier, Tapemachine, Spring Reverb. Equipment das früher bei King Tubby oder im Studio One stand..It’s a passion, I like to be surrounded by the past, by the real essence of the music. I don’t want to be surrounded by Macintosh or Apple Computer. Ich arbeite viel lieber mit Vintage-Keyboards und alten Pianos.

Heisst du arbeitest nicht mit Pro-Tools, sondern mit alten Tapemaschinen zum deinen Sound aufzunehmen?
Nein, ich arbeite schon auch mit Computern, wir leben ja im modernen Zeitalter. Aber ich nehme das Beste aus beiden Welten und mixe es zusammen. Nur mit einer Tapemaschine zu arbeiten, würde viel zu lang gehen, da ich fast alle Ton-Spuren alleine einspiele.

Wo findet man diese alte Equipment?
Von Leuten aus meinem Umfeld. Alle wissen, dass alte Instrumente & Equipment meine Leidenschaft sind, also helfen sie wo sie können. Mein Manager Specialst ist auch sehr engagiert und hält Ausschau.
Das letzte was ich erhalten habe, ist ein altes Yahama CP-70. Ein Keyboard, das mit Dennis Brown durch die Welt gereist ist in den 70iger Jahren.

Bei unserem letzten Treffen hast du erzählt, dass du ein Museum aufbauen möchtest mit diesem legendären Studio-Equipment. Was ist daraus geworden?
Dafür brauch ich Unterstützung von der Regierung in Jamaika. Es eine brilliante Idee, aber dazu benötigt man Geld. I’m not a rich guy, I’m not coming from a rich family, so I got work.

Endes letzten Jahres hast du „Dub Clash“ ein klassisches Dub-Album rausgebracht.Wie wars für dich ein solches Album zu produzieren?
Dub ist mein Hobby. Wenn im Studio bin und eine Blockade habe, dann start ich eine Dub-Session. Im meinem Archiv hat’s Dub-Tunes für drei ganze Alben.
Ende 2011, vielleicht auch erst 2012 wird das nächste Album erscheinen. Ich dubbe darauf Tunes wie Still Blazing, Rastafari Anthem, Waan The Herb. The Best of Alborosie, from Day one up to now.

Im Juni 2011 kommt dein nächstes Album „2 Times Revolution“. Das Album ist aber bereits Anfang 2011 „geleaked“ und ist im Internet gelandet. Was denkst du darüber?
I feel very bad, weil das Album im Internet ist nicht die fertige Version. Jemand hat es kopiert, während dem Aufnahme-Prozess und ins Netz gestellt.That’s a major disrespect. Aber so läuft’s halt heutzutage. So ist das Leben, man muss damit umgehen können.

Weisst du wer dafür verantwortlich ist?
Ja natürlich. Es gibt Leute, die behaupten sie seien gute Menschen, aber sinds nicht. They’re not Reggae-People, they are Babylon, you know. Wie gesagt: Der Leak im Internet ist nicht das fertige Produkt, wenn ihr das richtige Album wollt, wartet noch einen Monat und kauft euch „2 Times Revolution“.

Du bist durchgestartet vor 3,4 Jahren mit Songs wie „Kingston Town“ oder „Herbalist“. Aber bereits vor deiner Karriere als Alborosie, warst du sehr erfolgreich mit Reggae National Ticket einer italianischen Reggae-Band. Wie alt warst du eigentlich als alles angefangen hat?
Oooh…etwa 16 Jahre alt. Damals starteten wir Reggae National Ticket und wurden schnell sehr erfolgreich. Wir tourten durch ganz Italien, oft vier Shows pro Woche. Wir waren auch im nahen Ausland: Kroatien, in der Schweiz, später dann auch in Spanien. 10 Jahre lang.
Letztes Mal als ich in Jamaika war, schaute ich in den Himmel und sagte mir selbst: You know, es schon eine verdammt lange Zeit, seit 1993 / 1994 bis zum heutigen Tag machst du immer noch dasselbe. Das ist deine Mission im Leben: Musik spielen. Es muss meine Aufgabe sein, sonst hätte ich schon längst, was anderes angefangen.

Was haben denn deine Eltern dazugemeint, dass du eine Musikkarriere im Kopf hattest?
Meine Eltern waren einverstanden damit. Wenn sie sehen, dass ich etwas liebe, unterstützen sie mich. Als ich meinen ersten Plattenvertrag erhielt, war ich so jung, dass meine Eltern unterschreiben mussten. My Mamma and Papa are beautiful people, Jah bless them every day.

Als du dann vor zehn Jahren nach Jamaika gekommen bist, was war die grösste Herausfordung?
The tuffest thing was: Ich verliess meine Heimat und Familie,um nach Jamaika zu gehen. Jeden Tag zerbrach ich mir den Kopf darüber, was ist wenn ich wieder zurück gehen muss. Es war hart Italien zuverlassen: Ich habe alle meine Sachen verkauft und liess alles was ich mit Reggae National Ticket erreicht habe zurück. Ich gab mein Studio und meinen Bus weg. Und musste viele Steuern zahlen, Berlusconi killed me with the tax at that time.

In Jamaika habe ich von vorne begonnen, ich hatte nur etwa 2000 US-Dollar in meiner Tasche. Ich konnte kaum ein Wort englisch sprechen. Ich sagte ich mir immer: Wenn du jetzt zurückgehen musst, dann bist du gescheitert, you fail. Ich habe keine Ahnung, was ich dann gemacht hätte, es gab keinen Plan B. Deshalb kämpfte ich jeden Tag, dass ich in Jamaika bleiben kann. Sometimes I swallowed poison. Es gab gute und schlechte Zeiten. Ich hatte kein Geld, nichs, aber ich war glücklich. And then God blessed me.

And the rest is history.
Yes, and it’s not a mystery. (lacht)

Okay, besten Dank fürs Interview und viel Spass auf der Tour.
Thank you very much. Keep listening Reggae-Music. Blessed.

2 Times Revolution wird im Juni 2011 über VP Records erscheinen.
Dub Clash ist erhältlich seit Ende letzten Jahres und ist über Alborosies Shengen-Label released.

Fotos vom Konzert in der Roten Fabrik (21. April 2011) gibt’s hier -> http://reggaenews.ch/?p=2971

httpv://www.youtube.com/watch?v=-I5ftbpQ2SA

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